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Tracking und das Sammeln von personenbezogenen Daten
David Reinartz, Felix Förtsch
Stand: 07.01.2022
Ausarbeitung zum gleichnamigem Vortrag im Modul Gesellschaftliche Strukturen im Digitalen Wandel
Praktischer Guide
(Video von Felix)
Hintergrund
Wieso Privatsphäre? Ich hab doch nichts zu verbergen!
Um die Wichtigkeit des Schutzes vor invasiven Trackingmaßnahmen zu begreifen, ist es zunächst wichtig ein Verständnis für das Konzept der Privatsphäre zu bekommen.
Wahrscheinlich hat jeder eine Vorstellung von Privatsphäre.
Sie tatsächlich zu definieren stellt sich jedoch als gar nicht so einfach heraus.
Informationen werden auf einem Spektrum von publik bis privat erachtet.
So wird beispielsweise der Nachname in der Regel als publik gesehen, wohingegen die eigene Kreditkartennummer als private Information gilt.
Grundsätzlich äußert sich Privatsphäre in dem Wunsch Privates nicht publik werden zu lassen.
Privatsphäreentscheidungen unterliegen dabei jedoch einem Kontext welcher die Entscheidung Daten zu teilen stark beeinflussen kann.
Derartige Kontextfaktoren sind die Art der Sammlung, der angegebene Verwendungszweck, das Vertrauen in den Anbieter oder auch die erbrachte Leistung.
So geben viele Menschen für Convenienve gerne ihre Standortdaten an Unternehmen wie Google, während sie wahrscheinlich mehr Schwierigkeiten damit hätten diese Informationen an zufällig gewählte Privatpersonen zu geben.
Es zeigt sich, dass jeder eine individuelle Definition von der Wichtigkeit der persönlichen Privatsphäre hat und, dass sich diese kontextbedingt dynamisch ändern kann.
Oft wird das folgende sog. Nothing-to-Hide Argument genutzt um das bedingungslose Teilen privater Daten zu verteidigen:
„Wenn Du nichts zu verbergen hast, hast Du auch nichts zu befürchten.“
Dass dieses Argument jedoch realitätsfern ist illustriert ein prägnantes Zitat:
„Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Meinungsfreiheit brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben.“ – Edward Snowden
Man muss nichts “zu verstecken haben”, um etwas privat halten zu wollen. Privater Raum mit Informationen, die für andere irrelevant aber dennoch persönlich sind, macht uns erst zu authentischen Individuen. Nur durch diese private Sphäre können wir zwei gegensätzliche menschliche Bedürfnisse stillen: Teil von einer sozialen Gruppe und gleichzeitig abseits dieser Gruppe zu sein.
Wozu wird Tracking benutzt?
Um die Wichtigkeit einer intakten Privatsphäre zu verdeutlichen, ist es hilfreich die Gründe zu verstehen, wegen derer Daten gesammelt werden.
Ein großer Aspekt kommt aus der Wirtschaft mit dem sog. Behavioral Advertising.
Bei dieser Werbeform geht es darum personalisierte Nutzerprofile zu erstellen, so dass Nutzern effektivere Werbung gezeigt werden kann.
Die Daten, welche dazu benötigt werden sind keine "besonderen" Daten, die man verstecken würde, sondern ganz alltägliche Daten.
Dazu zählen unter anderem welchen Browser man benutzt, wie oft und wann man welche Seite ansieht, und sogar feine Details z.B. wie lange man mit der Maus über einem Bild eines Produkts wartet bis man darauf klickt.
Solche zunächst belanglos wirkenden Informationen werden von Unternehmen wie Amazon und Google auf ihren Websites gesammelt und zu massiven Nutzerprofilen aggregiert.
Dadurch können diese Unternehmen ihre eigenen Websites bis ins kleinste Detail optimieren.
Zusätzlich verkauft z.B. Google Werbeplätze an andere Unternehmen und kann mit der Masse an Nutzerprofilen dafür sorgen, dass die Werbung Nutzern gezeigt wird, welche wahrscheinlich darauf klicken.
Ist man sich dessen nicht bewusst geht man vielleicht sogar davon aus, dass alle Leute die selbe Werbung sehen und lässt das in seine Kaufentscheidungen einfließen.
Persönliche Daten werden auch zur Einschätzung von Kredit- und Vertrauenswürdigkeit genutzt.
Nimmt man einen Kredit auf oder möchte man eine Wohnung mieten, so hat die Anbieterseite ein legitimes Interesse daran zu wissen ob der Kunde zahlungsfähig ist.
In Deutschland ist die größte Firma in diesem Bereich, eine sog. Wirtschaftsauskunftei, die SCHUFA.
Sie sammelt Daten über aufgenommene Kredite, Rückzahlungsverhalten, Onlinekaufverhalten und mehr.
Daraus berechnet sie mit proprietären statistischen Methoden die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kunde zahlt.
Das ist praktisch und sinnvoll für Banken, Vermieter und Verkäufer.
Wenn man als Kunde jedoch einen schlechten SCHUFA-Score hat und durch dessen geheim gehaltene Berechnung nicht weiß wie man ihn effektiv verbessern kann, so kann dies zu Benachteiligungen führen.
Ein Schutz vor dieser Art von Datensammlung ist schwieriger als der Schutz online.
Ein Extrembeispiel von Datensammlung lässt sich in China beobachten.
Dort werden personenbezogene Daten innerhalb des sog. Social Credit Systems genutzt um die Vertrauenswürdigkeit der Bürger von staatlicher Seite einzuschätzen.
Da das Social Credit System nicht von einem Privatunternehmen sondern von der Regierung ausgeht, ist die Motivation hinter der Datenerhebung eine andere.
Ein großer Aspekt ist die Erziehung der Bürger nach von der Regierung bestimmten moralischen Grundsätzen.
Verhält man sich entsprechend gut, bekommt man Pluspunkte auf sein Punktekonto.
Dies geschieht zum Beispiel wenn das eigene Kind in die Armee eintritt.
Verhält man sich schlecht, indem man beispielsweise die eigenen Eltern nicht oft genug besucht oder die Regierung kritisiert, erhält man Minuspunkte.
Der Punktestand entscheidet dann mit über die Möglichkeit Kredite aufnehmen zu können oder Plätze an begehrten Universitäten zu bekommen.
Noch ist das Social Credit System in China nicht vollständig ausgebaut.
Zudem ist es weit komplexer und fragmentierter als es nach außen hin den Anschein macht.
Wer sich weiter interessiert kann unten unter dem ersten Link in der Kategorie China eine sehr umfassende Analyse zur aktuellen Lage des Social Credit Systems in China lesen.
Schutz vor Tracking ist wichtig und wird es auch in der Zukunft bleiben. Mit den Informationen in unserem Guide kann jeder jetzt einen Schritt in die richtige Richtung tun und die eigene Privatsphäre schützen.
Weiterführende Links
Link zu Vortragsfolien (Inklusive ausführlicher Quellenangaben)
Datenschutzinitiativen
AlgorithmWatch
DataSkop Datenspendeplattform
Big Brother Awards
Reclaim Your Face
OpenSCHUFA
Im Vortrag hervorgehobene Quellen
David Anderson Q.C. - A Question of Trust: Report of the Investigatory Powers Review
China
China’s Social Credit System in 2021: From fragmentation towards integration
Vom ‚Vorreiter‘ lernen? Eine multidisziplinäre Analyse des chinesischen Sozialkreditsystems und seiner Auswirkungen auf Deutschland
Wikipedia - Face (sociological concept)
The Cult of “Face” in China | 面子
Wikipedia - Public records in China (Dang'an)
Diskussion
In einer fiktionalen Zukunft im Jahr 2098 kurz vor dem Zusammenschluss der europäischen Länder in der Zentralverwaltungszone "Neuropa" ist die Einführung eines Sozialkredits geplant. Den Seminarteilnehmern wurden vier geplante Punkteregeln vorgelegt. Jede Regel enthält die Tat und die veranschlagten Plus- oder Minuspunkte. In zwei Partnerdiskussionsrunden wurden die Regeln nach Pro- und Contrapunkten sowie nach sinnvollen Änderungen untersucht. Anschließend wurde nach einer meinungsbildenden Abstimmung die zweite Regel in einer Gruppendiskussion genauer beleuchtet. Die editierten Ergebnisse der Diskussion sind unten dargestellt.
Regel 1: Wöchentlich 20 km mit dem Fahrrad fahren -> +1 Punkt
- Pro:
- Motivierende Regel
- Gut für andere Aspekte des Lebens
- Positive Reinforcement
- Con:
- Verstärkte Unfallgefahr durch erhöhten Anreiz
- Nachweis ist schwierig
- Fälschungen sind einfach möglich
- Nicht jeder hat Fahrrad
- Unfair durch gesundheitliche Beeinträchtigungen (Opa vs. Kind, Rollstuhlfahrer)
- Änderungen:
- Jährliche oder monatliche Punktevergabe
- Weitere Gedanken:
- Was passiert wenn man auf dem Fahrrad eine Straftat begeht?
Regel 2: Beweise von Straftaten einreichen -> +10 Punkte
- Pro:
- Trade-off: Wir führen (im Szenario) sowieso Regeln ein… Wenn es wirklich eine Straftat ist, dann hilft es.
- Con:
- Erzeugt permanente Angst vor Spitzeln (siehe DDR)
- Erzeugt hohen verwaltungstechnischen Aufwand
- Moralisch fragwürdig
- Erzeugt Misstrauenskultur statt Vertrauenskultur
- Möglicherweise überfüllte Gefängnisse
- Änderungen:
- Mehr Pluspunkte
- Zusätzliche Regel: Minuspunkte bei Unterbreitung von gefälschten Beweisen
- Weitere Gedanken:
- Gibt es schon: 60 EUR für Strassenbahn-Hinweise
- Eigentlich sollte keine Belohnung nötig sein weil es den bestehenden Normen entspricht
- Ist der Denunziant anonym?
- Wer führt die Kontrollen durch? Werden so Bürger gegen Bürger gehetzt?
- Die Liste der Straftaten spielt eine Rolle: Es ist relevant WELCHE Straftaten und Ordnungswidrigkeiten auf der Liste stehen
- Wie soll bei einer derartig groben Regel die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden? Beweise für Verletzungsdelikte sind wichtiger als jene für harmlose Ordnungswidrichkeiten.
- Wer bekommt die Pluspunkte, wenn eine Straftat mehrmals angezeigt wird?
Regel 3: Vandalismus an öffentlichen Einrichtung -> -20 Punkte
- Pro:
- Vandalismus geht alle was an und schadet allen
- Änderungen:
- Mehr Minuspunkte
- Weitere Gedanken:
- Es gibt unterschiedliche Arten von Vandalismus
Regel 4: Beihilfe zur illegalen Einreise -> -100 Punkte
- Änderungen:
- Weniger Minuspunkte
Auswertung
Die Diskussion hat auf einige Schwachstellen eines möglichen Sozialkreditsystems hingewiesen.
Zunächst besteht die Frage welche Regeln aufgenommen werden und wer darüber entscheidet.
Die in vielen Ländern bestehenden Gesetzeskataloge sind durch unzählige Mitwirkende über Jahrhunderte gewachsen und spiegeln so im Idealfall die mittlere Moral der gesamten Bevölkerung wieder.
Im Zukunftsszenario werden die Regeln von einer zentralen "neuropäischen" Partei vorgegeben.
Eine derartige, radikale Zentralisierung ermöglicht es der Partei mit den passenden Regeln ihre eigene Ideologie durchzusetzen.
Desweiteren ist es nahezu unmöglich die Verhältnismäßigkeit zwischen den Regeln zu bewahren.
Während der Diskussion wurden für alle der vorgeschlagenen Regeln Änderungen an der zugehörigen Punktvergabe vorgeschlagen.
Wer entscheidet wieviele Plus- oder Minuspunkte man für welche Handlung bekommt?
Bei weiterer Untersuchung stellte sich die Frage, ob eine Verhältnismäßigkeit überhaupt hergestellt werden kann.
Ist es wirklich so, dass das Einreichen von Beweisen (+10 Punkte) genauso "gut" ist wie zehn Wochen mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren (+1 Punkt pro Woche)?
Habe ich eine Vandalismus-Erlaubnis (-20 Punkte) nachdem ich zwei mal Beweise für Straftaten abgegeben habe (je +10)?
Schon in unserem minimalen Zukunftsszenario wird deutlich, dass ein derartiges Aufrechnen müßig ist.
Unterschiedliche Taten haben diverse Motivationen und sind je nach Situation unterschiedlich zu bewerten.
Letztlich besteht auch die Frage nach der Fairness von starren Regeln.
Jede Person ist mit eigenen Stärken und Schwächen individuell.
Während einige sowieso schon regelmäßig mit dem Fahrrad ist dies für andere aus gesundheitlichen Gründen unmöglich.
Derartige menschliche Unterschiede können in einem Sozialkreditsystem wie es im Szenario vorgeschlagen wurde nicht berücksichtigt werden.
Insgesamt zeigt sich, dass in der Diskussion einige allgemeine Probleme in möglichen Sozialkreditsystemen aufgezeigt werden konnten.
Die überwiegend kritische Auseinandersetzung mit den vorgeschlagenen Regeln führte zu einer interessanten und intensiven Gesprächsrunde.